Ute Krautkremer - Plastiken Helga Persel - Fotografische Objekte
| Öffnungszeiten: | Mo-Mi: | 08:00 bis 17:00 Uhr | ![]() |
| Do: | 08:00 bis 18:00 Uhr | ||
| Fr: | 08:00 bis 13:00 Uhr | ||
| Kreishaus SÜW, Landau >>> www.suedliche-weinstrasse.de <<< |
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Ausstellung im Kreishaus Südliche Weinstraße, Landau
Einführung von Dr. Matthias Brück am 27.10.02
Meine Damen und Herren,
Üblicherweise schätzen wir es nicht, wenn uns etwas in die Quere kommt. Denn meistens bedeutet das Überraschung, Nötigung zur ungewollten Auseinandersetzung, schlichtweg Störung.
- Ute Krautkremer und Helga Persel verstehen sich schon seit langem auf spezielle Störungen - allerdings der künstlerisch-ästhetischen Art, mit der sie Vertraut-Bekanntes in eine andere Qualität überführen. -
1995 war es zum Beispiel die alte Scheune in Annweiler, die sie zu einem organischen Gesamtkunstwerk transformierten - und somit unter anderem den Abbruch um einige Wochen verzögern konnten. Heute haben die beiden Künstlerinnen das Kreishaus mit kleinen Täuschungen, listigen Material-Simulationen und einigen Seh-Fallen durchsetzt - durch die sie sich "interessiert" stören lassen sollten. - (Um Rückfragen vorzubeugen - das Kreishaus wird nicht in einigen Wochen abgerissen...)
Meine Damen und Herren,
verklärt, losgelöst und von aller irdischen Last befreit; so präsentieren sich beispielsweise die fünf Köpfe hier im Raum. Abstrahiert, stilisiert scheinen sie alle dieselbe Ur-Form zu haben und gleichen sich doch nur -sind nie ganz identisch.
Ute Krautkremer hat mit diesen Plastiken meines Erachtens zu einer Emanzipation des Seriellen gefunden. Denn sie wechselt nicht nur - bisweilen kaum wahrnehmbar - den Ausdruck, sondern stützt sogar das Vermeintlich-Identische mit einem identisch-intensiven Farbauftrag. -Das ist gewissermaßen nur der Beginn: Denn entscheidend für die gebotenen weiteren Interpretationsmöglichkeiten erweist sich grundlegend die jeweilige Anordnung der Objekte - seien es die Köpfe oder verschiedenen plastischen Fragmente. -
Die verlassen gewissermaßen ihre Sockel, sind dann an den Wänden installiert. Einmal gewohnt senkrecht, dann um 90 Grad gedreht - oder sie stehen frivolerweise auf dem Kopf. - Also keine langweiligen seriellen Kompositionen, vielmehr äußerst variationsreiche Installations-Spezialitäten. -
Je nach Anordnung stellt sich die Frage, ob diese Objekte, diese Köpfe schweben, aus der Wand heraustreten oder gar in die Wand zurückzutreten scheinen. -Das wäre - nebenbei bemerkt - praktisch fast unmöglich, würde es sich um Aluminium, beziehungsweise um Keramik-Stücke handeln. - Doch diese Arbeiten sind schlicht in Papier-Guss entstanden, und täuschen doch perfekt andere Materialien vor. -Am Raffiniertesten wirkt das bei den Exponaten, den kleinen Photographien von Helga Persel, die Ute Krautkremer scheinbar mit gerostet-eisernen Fragment-Teilen pointiert ergänzt hat. Auch sie sind nämlich aus Papier...
Die genannten Formen findet man dann dreidimensional - und um etliches schwerer - als mehrfarbige Plastiken, die man schon regelrecht umlaufen muß, um ihrer Vielgestaltigkeit gerecht zu werden. Nur in der Bewegung geben sie ihre geometrisch-puzzelartige Verschränkung preis...ändern ständig ihr Formbild. -
Und wer glaubt, diesen Prozeß in den eigenen Wänden erst richtig nachvollziehen zu können, trifft auf mein vollstes Verständnis. ---
Meine Damen und Herren,
Helga Persel wehrt sich gegen Zwänge, besonders gegen die, die per Photo-Apparat, Film und chemische Vorraussetzungen, ihre Definition von Photographien als eigenständige, vom unmittelbaren, realen Ereignis gelöste Formgebilde, sabotieren könnten. -
Deshalb negiert sie die Photographie als dokumentarisches Medium, sucht sich unspektakuläre Ausschnitte und keine exotischen Gegebenheiten als Motive. - Es handelt sich erst einmal um schlichte, ja banale Wahrnehmungen des Alltags, die fast alle von uns stets übersehen beziehungsweise noch nie richtig wahrgenommen haben. -
Jetzt muß ich Helga Persel zitieren, denn konkreter und einfach besser kann man das Folgende selbst nicht formulieren:
Die Abzüge sind immer komplette Abzüge des gesamten Negativs. Das entstandene Photo wird als geschlossenes Formgebilde ernst genommen. Um den Automatismus des Wiedererkennens der photographierten Situation nicht zum dominanten Moment der Betrachtung der Bilder werden zu lassen, drehe ich die Photos häufig aus der Achse der Aufnahme um 90 oder 180 Grad. So konzentriert sich der Blick zunächst auf die abstrakten Bezüge des Formgebildes und kommt erst im zweiten Schritt zur Wahrnehmung der Realitätsabbildung.
Nun meine Damen und Herren, sind die Photographien erst einmal auf die verschiedenen Blöcke aufgezogen, folgt die Kombination, aus der sich für die einzelne photographische Aufnahme in unterschiedlichen Bildkombinationen jeweils neue Bezüge entfalten dürfen. -
Das Ergebnis bedeutet ein Neues Ganzes, eine neue ästhetische Wirklichkeit, die den Detail- wie den Orientierungsverlust der einzelnen Original-Photographien faszinierend begreift und letztlich gegenstandslos macht. Wichtig wird somit nicht die Frage, was haben Zigarettenkippen mit Johannisbeeren, rote Handschuhe mit kopfstehenden Baumgruppen oder einer toten Maus zu tun...
Denn Funktion und Bestimmung der jeweiligen Gegenstände haben ihre Inhaltlichkeit schon lange aufgegeben. Sind von dieser Künstlerin in eine "ars combinatoria" eingebunden worden, die selbst den alten Leibniz begeistert hätte. Selbst in dem monumentalen, 16 teiligen Werk "Tableau Red Dots" - speziell für diese Ausstellung geschaffen werden sie trotz der simulierten, roten Orientierungspunkte - letztlich handelt es sich nur um rote Ampellicht, eine Cola-Dose oder ein verlorenes Spiegelei - keine Wegweiser im gewohnten Sinne, sondern um einen Verbund alltäglicher Stücke entdecken.
Helga Persel hat sie aus ihrem stiefmütterlichen Dasein befreit, ihre abstrakten Qualitäten offengelegt und diese in einem eigenen Kohärenz-Rahmen mit variablen Ordnungen gestellt. -
Meine Damen und Herren, in Kurzfassung bedeutet das: beide Künstlerinnen stellen - je auf ihre Weise - die Objekte ihrer Wahrnehmung auf den Kopf, drehen sie um etliche Grade und entbergen dem Herkömmlichen neue, unverbrauchte Möglichkeiten - ohne im Chaos zu landen. -
Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank!

