Ute Krautkremer "In-Between" Skulpturen und Reliefs mit Papier

Ausstellung im Alten Rathaus zu Wörth

Einführung von Dr. Matthias Brück am 31. August 2007

Meine Damen und Herren,
es geht das Gerücht, manche Leute würden in ihren Köpfen Fremdenzimmer für die Meinung anderer Menschen unterhalten.
Nun hoffe ich, dass Sie alle nicht zu dieser Spezies gehören, denn es dürfte Ihnen dann bei der heutigen Ausstellung von Ute Krautkremer doch einiges entgehen.
Denn nicht das Abbild, die Dinge wie wir sie kennen oder zu kennen glauben steht bei dieser Künstlerin im Mittelpunkt, vielmehr die Veränderung, das Ungewohnte, das von der Norm Abweichende.
Denn Skulpturen und Reliefs geben in puncto Material schon einmal vor, etwas zu sein, was sie nicht sind. Auf den ersten Blick - und der kann bekanntlich oft täuschen -, scheint es sich hier um ein Gestalten mit Ton zu handeln, dem Stoff, mit dem die Künstlerin ursprünglich ihren Schaffensprozess begonnen hat.
Doch um Ihre neuen Ideen zu verwirklichen, um vom Statischen zum Beweglichen voran zu schreiten, musste sie fast zwangsläufig dem Papier als Garant und Transporteur ihrer Vorstellungen den Vorrang geben.
Nun erlaubt es die spezielle Technik des Papiergusses, nicht nur dünnwandige Formen zu erstellen, sondern ein überwältigendes Repertoire an Beziehungen, an Möglichkeiten des Umgreifenden wie des Ineinandergreifenden zu realisieren.

Meine Damen und Herren,
jetzt bereits kann man verstehen, warum der Titel dieser Ausstellung „In-Between“ lautet. Denn schließlich spiegelt sich in fast allen Exponaten , Relief, Drahtbild, Portrait oder Skulptur das Prinzip des "Zwischendrin", des "Dazwischen", das Ute Krautkremer mittlerweile perfekt zu interpretieren und zu installieren versteht.
Im Grunde verhält sich das Dazwischen als raffiniertes Bindeglied zwischen jedem Entweder-Oder, stellt eine quasi undogmatische Verbindung von Gegensätzen her, die jede dogmatische Abgrenzung, jede hermetische Definition aufheben können.
Wenn Teile der Skulpturen aus sich heraus in den Raum zu greifen scheinen, wenn man glaubt, ihre Form entspräche der zurückgelassenen, leeren Form, wenn gewissermaßen das Nichts zur Form wird - wie in den Portraits- dann befindet sich der Betrachter mitten in einer Faszination des Schwebens seiner Wahrnehmung. ...."Sie entlarven sich selbst als lediglich formumschließende -Hüllen-, die den umgebenden Raum als Negativ-Form sichbar machen.".... (Originalton: Ute Krautkremer)
Und genau dann wird aus jedem Entweder-Oder ein Sowohl-als-auch. Natürlich erlaubt diese Konzeption auch eine Fülle von freien Assoziationen, die jeder je nach Wahrnehmungsweise selbst steuern und steigern darf.

Nun meine Damen und Herren, bei den so genannten Drahtbildern dürften verstärkt auch spielerische Elemente zu Tragen kommen. Drahtstücke ragen in den Raum, scheinen zu materialisierten Linien oder Liniengefügen zu werden, als würde ihnen ihr angestammter Platz im Bild nicht mehr genügen.
Andererseits gewinnen diese Arbeiten dadurch eine feine plastische Suggestion mit bisweilen ironischen Einschüben.
Wie sonst sollte man die Dreidimensionalität der Sektgläser begreifen, die keck aus der Fläche hervorragen, als wollten sie mit dem Betrachter freundlich anstoßen. Unabhängig davon, meine Damen und Herren, bieten gerade die Skulpturen und Reliefs mit Papier einen seltenen Reichtum an Vielfalt:
Kantige Verschränkungen, knotenartige Verschlingungen, die dennoch eine gewisse Offenheit garantieren, ein octopusartiges Greifen oder ein losgelöst gleitendes Segeln kann diese Arbeiten je bestimmen wie ein indirektes Suchen nach Ergänzung.
Stets ästhetisch ausgerichtet, doch dann auch sogleich wieder indirekt durch bewusst gesetzte Eingriffe gestört, gelingt dieser Künstlerin immer wieder eine spannungsvolle Harmonie, in der die Gegensätze aufgehoben werden dürfen.
Eigentlich kann man als Betrachter diese Perspektiven- und Deutungsvielfalt nur hinreichend ausloten, wenn man ständig die eigene Position verändert, das heißt, wenn man gewissermaßen um das jeweilige Exponat herumgeht.
So verlangen die Werke von Ute Krautkremer letztlich nicht nur eine Neuorientierung des Sehens, sondern auch des Denkens!
Damit kreiert diese Künstlerin fast eine plastisch künstlerische Parallele zur Kunstphilosophie des Japaners Tsujimura Kôichi, der den Begriff der "Circumspektive" geprägt hat.
Er postuliert ein so genanntes "Umblicken", das die Richtungen des Vorblickens, Nachblickens, Aufblickens oder Zurückblickens wie alle perspektivischen Varianten in sich einschließt.
Das bedeutet in letzter Konsequenz ein generelles Aufheben des perspektivischen Denkens, das Mensch und Ding immer nur in der traditionellen Subjekt-Objekt-Spaltung gesehen hat.